Werden Schmerz- oder Migränemittel zu häufig eingenommen, können sie selbst Kopfschmerzen verursachen. Fachleute sprechen vom Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch. Er tritt an 15 oder mehr Tagen im Monat auf und entsteht bei Menschen mit bestehender Kopfschmerzerkrankung, wenn über mehr als drei Monate einfache Schmerzmittel an mindestens 15 Tagen oder Triptane und Kombinationspräparate an mindestens 10 Tagen im Monat genommen werden. Als Faustregel empfiehlt die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, Schmerzmittel an höchstens zehn Tagen im Monat einzusetzen.
Wie es dazu kommt
Am Anfang steht meist eine Migräne oder ein Spannungskopfschmerz. Die Attacken werden häufiger, man greift öfter zur Tablette, manchmal schon vorbeugend aus Angst vor dem nächsten Schmerz. Das Nervensystem gewöhnt sich an das Medikament, die Schmerzschwelle sinkt, und die Kopfschmerzen nehmen zu. Daraus entsteht ein Kreislauf: mehr Kopfschmerz, mehr Tabletten, noch mehr Kopfschmerz. Betroffene berichten häufig von täglichen, dumpfen Kopfschmerzen, auf die sich typische Attacken setzen.
Woran Sie es erkennen können
- Sie haben an mehr als der Hälfte der Tage im Monat Kopfschmerzen.
- Sie nehmen an mehr als zehn Tagen im Monat Schmerz- oder Migränemittel.
- Die Kopfschmerzen sind häufiger geworden, seit Sie öfter Tabletten nehmen.
- Sie nehmen Mittel vorsorglich, bevor der Schmerz richtig da ist.
- Morgens wachen Sie bereits mit Kopfschmerzen auf.
Ein Kopfschmerztagebuch macht den tatsächlichen Verbrauch sichtbar. Die Diagnose stellt die Ärztin oder der Arzt.
Der Weg heraus
Die gute Nachricht: Der Medikamentenübergebrauchskopfschmerz ist behandelbar. Grundlage ist eine ausführliche Aufklärung. Bei vielen Betroffenen bessert sich die Lage bereits deutlich, wenn sie verstehen, was passiert, und die Einnahmetage reduzieren. Häufig wird zusätzlich eine vorbeugende Behandlung der zugrunde liegenden Migräne oder des Spannungskopfschmerzes begonnen. Manchmal ist eine Medikamentenpause sinnvoll, die je nach Situation ambulant oder in einer Klinik begleitet wird. In den ersten Tagen können die Kopfschmerzen vorübergehend stärker werden. Diesen Weg sollten Sie unbedingt mit Ihrer Hausarzt- oder Neurologiepraxis planen und nicht auf eigene Faust gehen.
Warum die psychische Seite wichtig ist
Hinter häufiger Einnahme steckt oft nachvollziehbare Angst: vor dem nächsten Schmerz, vor dem Ausfall bei der Arbeit, vor dem Gefühl, die Familie im Stich zu lassen. Diese Angst lässt sich nicht einfach wegdenken. Verhaltenstherapeutische Ansätze können helfen, mit Schmerz und Erwartungsangst anders umzugehen, Belastungen zu verringern und den Weg der Medikamentenreduktion durchzuhalten. Die Leitlinien zur Kopfschmerzbehandlung nennen verhaltenstherapeutische Verfahren als Baustein der Behandlung chronischer Kopfschmerzen.
Vorbeugen
- Behalten Sie die Zahl der Einnahmetage im Blick und bleiben Sie möglichst unter zehn Tagen im Monat.
- Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, wenn Sie merken, dass Sie häufiger Mittel brauchen. Dann kann eine vorbeugende Behandlung sinnvoll sein.
- Nutzen Sie nichtmedikamentöse Verfahren wie Ausdauersport und Entspannungsverfahren.
- Achten Sie auf regelmäßigen Schlaf und Stressbewältigung.
Wann sofort zum Arzt
Lassen Sie neue, plötzlich sehr starke oder veränderte Kopfschmerzen umgehend ärztlich abklären. Bei schlagartig einsetzenden heftigsten Kopfschmerzen, Lähmungen, Sprach- oder Sehstörungen wählen Sie die 112.
Begleitung in Ulm
Dr. Sarah Gagiannis ist Fachärztin für Neurologie mit Zusatzbezeichnung fachgebundene Psychotherapie. In der KLARTRAUM Privatpraxis in Ulm begleitet sie Menschen, bei denen Kopfschmerzen mit psychischer Belastung einhergehen. Die psychotherapeutische Begleitung ergänzt die medizinische Kopfschmerzbehandlung bei Ihren behandelnden Ärztinnen und Ärzten. Mehr unter Psychotherapie bei Kopfschmerz und Migräne.
Quellen: Internationale Kopfschmerzklassifikation ICHD-3; Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG), Patienteninformationen; Leitlinie Kopfschmerz bei Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln (DGN).
Dieser Beitrag der KLARTRAUM Privatpraxis dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder Behandlung. In einer akuten Krise erreichen Sie den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117, die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 und im Notfall die 112.
Häufige Fragen
Zählt jede Tablette als ein Tag?
Gezählt werden Tage, an denen Sie Schmerz- oder Migränemittel einnehmen, unabhängig davon, wie viele Tabletten es an diesem Tag waren. Deshalb ist das Kopfschmerztagebuch so hilfreich.
Muss ich für eine Medikamentenpause in die Klinik?
Nicht unbedingt. Viele Betroffene können die Einnahme ambulant reduzieren, begleitet von ihrer Hausarzt- oder Neurologiepraxis. In manchen Fällen ist eine stationäre Behandlung sinnvoll. Das entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Weiterlesen
- Kopfschmerztagebuch: Auslöser erkennen und Arztgespräche vorbereiten
- Migräne und Stress: Wie beides zusammenhängt und was helfen kann
- Spannungskopfschmerz: Ursachen, Unterschied zur Migräne und was hilft
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